Der Konfekt-Konflikt

Pralinen führen zum Eklat zwischen Slowenien und Kroatien, ein Schoko-Riegel vertieft die Feindschaft zwischen Kroatien und Serbien. Dabei hätte die Westbalkan-Region ernsthafte Politik bitter nötig.

Die kroatische Botschafterin in Ljubljana hatte es freundlich gemeint. Letzte Woche ließ Vesna Terzic an die Kanzlei des slowenischen Regierungschefs sowie an Politiker und Diplomaten im Land Pralinen verschicken - ein vorweihnachtlicher Gruß. Doch das kroatische Naschwerk löste einen Eklat aus: Eine "Provokation" sei das Präsent, ließen slowenische Diplomaten verlauten. Die Pralinenschachteln wurden diese Woche in einem Sack an die Botschaft zurückgeschickt. Aufschrift: "I feel Slovenija".

Schoko-Krieg auf dem Balkan: Bereits zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit führen Süßigkeiten zu diplomatischen Turbulenzen zwischen ehemaligen jugoslawischen Staaten. Die Vorfälle zeigen: Selbst gut gemeinten Gesten lösen auf dem Balkan noch immer nationalistische Reflexe aus.

Die für Slowenien so provokanten Pralinen stammen aus dem Sortiment des traditionsreichen Zagreber Süßwarenkonzerns "Kras". "Gruß aus Kroatien" steht unverfänglich auf der Schachtel, darunter sind die Umrisse des Landes zu sehen. Auf der Innenseite schlägt die kroatische Propaganda voll zu, jedenfalls in den Augen slowenischer Betrachter - nämlich mit einer Reliefkarte des Landes inklusive der Linien für die adriatische Seegrenze. Wegen einer dieser Linien platzte slowenischen Politikern der Kragen. Denn sie entspricht der kroatischen Position in einem seit vielen Jahren andauernden Streit zum Verlauf der strittigen Seegrenze in der "Bucht von Piran".

"Ungeschminktes und unglückliches Geschenk"

Es geht um gut einen Quadratkilometer Seegebiet im nordöstlichen Zipfel der Adria. Slowenien möchte einen Grenzverlauf, der dem Land durch einen schmalen Seekorridor einen Zugang zu internationalen Gewässern verschafft. Kroatien pocht auf einen Grenzverlauf, bei dem es keinen solchen Korridor gäbe. Seit 2009 versucht ein internationales Schiedsgericht zu schlichten - ohne Aussicht auf ein baldiges Ende des Streits.

Dass die kroatische Botschafterin in dieser Situation Pralinenschachteln mit dem von Kroatien beanspruchten Grenzverlauf verschicken ließ, bezeichnete der slowenische Außenminister Karl Erjavec als "sehr ungeschminktes und unglückliches Geschenk". Großzügigerweise beließ es die slowenische Diplomatie bei der Rücksendung im patriotisch beschriften Sack. Man verzichte auf offizielle Protestnoten, hieß es im slowenischen Außenministerium, man wolle die Beziehungen zwischen beiden Ländern nicht noch mehr belasten.

Wegen eines in Serbien hergestellten Schokoriegels waren vor zwei Wochen schon die Staatsführungen des EU-Mitgliedes Kroatien und des EU-Kandidaten Serbien aneinandergeraten. Der Hergang: Am 6. Dezember hatte die kroatische Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic Dubrovnik besucht, es war der 25. Jahrestag der Belagerung der Küstenstadt durch die serbisch geführte jugoslawische Armee. In einem Kindergarten verteilte die Präsidentin Süßigkeiten, darunter auch "Mony"-Schokoriegel der Firma Pionir. Die waren längst aufgegessen, als dem Vater eines Kindes auffiel, dass es sich um ein serbisches Produkt handelte.

"Uneuropäisch" und "undemokratisch"

Er schrieb einen wütenden Facebook-Post, in dem er bitter über die Pietätlosigkeit der Präsidentin klagte. Als einige andere Eltern ihm beisprangen, geschah das Unerhörte: Grabar-Kitarovic entschuldigte sich bei den Eltern in aller Form und versprach, dass Derartiges nie wieder vorkommen werde. Den betroffenen Kindern ließ sie nachträglich kroatische Süßigkeiten zuschicken.

Prompt meldeten sich die serbische Staatsführung und serbische Nationalisten zu Wort. Der serbische Präsident Tomislav Nikolic sagte, es sei klar, dass Kroatien keine guten Beziehungen zu Serbien wünsche und den Aussöhnungsprozess beider Länder verhindere. Belgrader Regierungsmitglieder nannten die kroatische Präsidentin "uneuropäisch" und "undemokratisch", Nationalisten riefen zu einem Boykott kroatischer Produkte auf. Die seit Jahren andauernde Serie nahezu wöchentlicher politischer und diplomatischer Eklats zwischen Kroatien und Serbien ist damit um eine Episode reicher.

Einen "tragikomischen Witz mit ernsten Konsequenzen" nennt der kroatische Politologe Zarko Puhovski die Vorfälle. Die serbische Politologin Jelena Milic spricht von einer "echten und gefährlichen Unreife der Politiker in der Region". "Bei allem Satirepotenzial zeigen diese Affären leider, wie unverantwortlich die politischen Führer dieser Region handeln, selbst in Ländern, die Mitglied der EU sind", sagt die Politologin Jelena Milic. Ähnlich sieht es Zarko Puhovski: "Die offiziellen Polemiken und die offizielle Rhetorik haben absolut nichts mit den realen Problemen in der Region zu tun."

Häme für die "Schoko-Kriege"

Slowenien entkam 2013 nach einer schweren Bankenkrise nur knapp dem Staatsbankrott und erholt sich erst langsam. In Kroatien und Serbien herrscht Massenarbeitslosigkeit, aus beiden Ländern fliehen die Menschen mangels Perspektiven in Scharen. Korruption ist in allen drei Ländern wie überhaupt in der Westbalkan-Region weit verbreitet, in Serbien bestehen erhebliche Demokratiedefizite - dort herrscht der ehemalige Ultranationalist und Kriegstreiber Aleksandar Vucic, heute proeuropäisch, doch im Stil populistisch-autoritär.

Auch die Aufarbeitung der blutigen Vergangenheit kommt in der Region kaum voran. Noch immer ist das Schicksal von 13.000 Verschwundenen aus den Kriegen zu Anfang der 1990er Jahre ungeklärt, viele bei ethnischen Säuberungen Vertriebene können bis heute nicht in ihre Heimatorte zurückkehren.

Laut Umfragen sind es immer mehr Menschen der Region leid, dass ihre politischen Führer sich nicht diesen realen Problemen widmen - und haben für Vorfälle wie die "Schoko-Kriege" nur noch Häme übrig. In Kroatien verpassten Spötter der Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic in sozialen Netzwerken einen neuen Spitznamen: "Schokolinda".